St. Nicolai Osterburg

Willkommen in unserer St. Nicolaikirche

mit ihrer über 800jährigen Geschichte. Ihnen wird die schlichte Ausstattung unseres Gotteshauses auffallen,  diese ist dem Stadtbrand von 1761 und zahlreichen Umgestaltungen geschuldet. Kommen Sie zunächst in den Altarraum. Dort befindet sich ein schlicht gemauerter Altartisch. Das Kruzifix dahinter stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der Taufstein – eine bronzene Fünte-steht seit 1442  in unserer Kirche und wird seitdem für zahlreiche Taufen genutzt. Ein Meister Volker aus Münster schuf sie. In gotischen Minuskeln ist zu lesen: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig und wer nicht glaubt und nicht getauft wird, wird verdammt- Jesus Christus“. Die Kanzel von 1598 hängt seit 1955 an ihrem Ort und stammt aus der Salzwedeler St. Marienkirche. Lenken Sie nun Ihren Blick auf unsere wiedererstandene Buchholzorgel. Nehmen Sie Platz und lauschen Sie vielleicht sogar ihrem Klang. Sollte sie schweigen genießen Sie den Klang der Stille an einem Ort, an dem schon vielen Generationen vor uns auf Gottes Wort gehört haben

St. Nicolai – Gestalt, Ausdruck, Wandel

 

Wie Gotteshaus und Orgel auch immer zusammengefunden haben mögen, am Anfang standen Überlegungen, die, fasziniert von der Universalität des Zahlbegriffs, Physisches mit Transzendentem verbanden. In der Ton- wie in der Baukunst gewann das Prinzip, die Gestalt eines Werks nach Zahlzusammenhängen zu formen, an Bedeutung. Und deshalb erschließen sich uns die Schönheit und die Symbolik mittelalterlicher Kirchenarchitekturen nicht zuletzt aus den zahlentheoretischen Zusammenhängen der Fibonacci-Folge und der Naturtonreihe. Erstere ergibt sich durch fortgesetzte Addition: 1  1  2  3  5  8  13  21 ... , letztere stellt die Schwingungsmöglichkeiten, etwa von Luftsäulen, dar. Wie beide »zusammengehen« sei am Kirchenportal dargestellt. Verhalten sich lichte Weite und Scheitelhöhe bei diesem wie die Schwingungszahlen eines Ganztonintervalls (9:8), so hat die Öffnung unterhalb des Portalbogens die Gestalt eines Goldenen Rechtecks (5:8). Hieran läßt sich erahnen, was Kirchenraum und Orgel im Innersten füreinander bestimmt.

Die Orgel steht mit dem Rücken zum Kirchturm, dem ältesten Gebäudeteil dieser Kirche. Seine unteren Geschosse existierten bereits, als in der 2. H. d. 12 Jh. auf seiner Ostseite eine romanische Basilika angebaut wurde. Es ist nicht auszuschließen, daß Teile dieses Turmes ursprünglich zu einer Burganlage gehörten. Das spitzbogige Portal in der Westwand des Turmes ist vor 1342 eingesetzt worden. Im Sommer dieses Jahres ereignete sich ein Jahrtausendhochwasser – die Fachwelt spricht von einem »hydrologischen Supergau« – bei dem sich die Geländeoberfläche um etwa einen Meter erhöhte, was sich auch an den tiefer ins Erdreich »eingesunkenen« Kirchen in Seehausen, Beuster und Schnackenburg – alle im Urstromtal der Elbe gelegen – gut beobachten läßt.

Lenken wir unseren Blick von der Orgelempore aus in das Kirchenschiff, so zählen wir ab der Turmwand auf beiden Seiten vier Stützen, eine jede mit anderem Querschnitt. Diese bildeten vor dem Umbau in eine gotische Hallenkirche die Arkaden der romanischen Basilika. Im westlichsten Stützenpaar ist der Querschnitt ein Quadrat. Dieses verkörpert die Zahl Vier, das christliche Symbol für die irdische Welt (vier Elemente, vier Weltrichtungen usw.). Bei den beiden Stützen am Ostende der Arkaden tritt das Achteck auf. Die Acht steht für die Auferstehung Christi und die Taufe. Nicht unerwähnt bleiben darf in dem Zusammenhang die Kapitellinschrift in der Abteikirche zu Cluny (11. Jh.): Octavus sanctos omnes docet esse beatos – Die Oktave lehrt alle Heiligen, glückselig zu sein. Zwischen den beiden äußeren steht ein Pfeiler mit kreisförmigem Querschnitt. Die Kreislinie ist ohne Anfang und Ende. Deswegen ist der Kreis das Symbol für Vollkommenheit, Unendlichkeit, Ewigkeit. Zwischen diesem und dem quadratischen Pfeiler steht noch ein Kreuzpfeiler in der Arkade. Abgesehen von der Kreuzform stellt dieser Querschnitt ein Zwölfeck dar. Zur Aufklärung von dessen Symbolik sei hier Kirchenvater Augustinus zitiert: „Weil die Erde vier Teile hat und der ganze Erdkreis zum Glauben berufen ist, wurden vier Evangelien geschrieben. Die ganze Welt wird im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit gerufen, damit die Kirche sich versammele. Dreimal vier aber ergibt Zwölf, die Zahl der Apostel.”

Parallel zu den beiden Pfeilerreihen verläuft die Bauwerksachse, die das gotische Schiff von der romanischen Basilka geerbt hat. Diese Achse steht aber nicht senkrecht auf der Turmostwand, sondern erscheint um 3° im Uhrzeigersinn darüber hinausgedreht. Wie ist das zu erklären? Am frühem Morgen der Kirchengründung wurde die Achse der Basilika nach der aufgehenden Sonne ausgerichtet, um, wie es die Regel gebot, das Gotteshaus auf diese Weise mit dem Himmel zu verbinden. Wie sich rechnerisch zurückverfolgen läßt, geschah dies an einem 25. März, dem Tag, an dem traditionell das Hochfest der »Verkündigung des Herrn« gefeiert wird.

Der Achsabstand benachbarter Pfeiler beträgt 12 Eltenfuß und der Abstand der beiden Achsreihen voneinander 28 Eltenfuß. Die Entfernung des romanischen Triumphbogens von der Schiffswestwand (Turmwand) betrug 7 mal 12 Eltenfuß und die des östlichen romanischen Chorabschlusses 9 mal 12 Eltenfuß. Die Breite der Basilika maß 2 mal 28 Eltenfuß. Alle Maßzahlen sind heilige Zahlen oder Verknüpfungen von solchen, wie etwa 4 mal 7. Der Eltenfuß, den die Kolonisten um 1160 vom Niederrhein mitbrachten, mißt 0.323 Meter. Alle Maße hat der Werkmeister so gewählt, daß sich für die Basilika mit dem Turm das Grundverhältnis 5:2 (s. Fibonacci-Folge) bezüglich 28 Eltenfuß ergab. – Raffiniert komponiert!

Der gotische Neubau, der am Orte der romanischen Basilika wohl erst nach dem sintflutartigen Sommerhochwasser von 1342 begonnen werden konnte, ist nur wenig breiter als die alte dreischiffige Basilika und um eine romanische Chorlänge länger als diese. Genau so wurde in der Altmark bei allen gotischen Neubauten, die eine romanische Basilika zu ersetzen hatten, verfahren. Wie die neue Kirche wuchs, wurde die Vorgängerin darunter abgetragen.

Im Jahre 1369 stifteten die Schöffen der Stadt ihrer Pfarrkirche St. Nicolai einen Altar und ein geistliches Lehen. Anlaß hierfür könnte die Fertigstellung der Ostteile des gotischen Neubaus gewesen sein. Der letzte große Umbau fand E. d. 15. Jh. statt und erweiterte die Hallenkirche um einen eingeschnürten, asymmetrischen, größeren Chor mit Umgang. 

Osterburg im 19. Jahrhundert 

 

In der Nummer 44 des Jahres 1825 des „Altmärkischen Intelligenz- und Lese-Blattes“, der damaligen Tageszeitung für die Altmark, wurden die Leser über folgende aktuelle Mitteilung aus Osterburg  informiert: „Am 16ten Oktober d. J. war für unsre Stadt ein von der Kirchengemeinde sehr gefeierter Sonntag. Es ward nemlich die Liturgie zum erstenmale in hiesiger Kirche ausgeführt; die von Meisterhand des Orgelbauers Herrn Buchholz aus Berlin für unsre St. Nicolai-Kirche neu erbaute Orgel empfing ihre Weihe; das neue Magdeburger Gesangbuch, welches durch die lobenswerthe Annahme der hiesigen Einwohner, an die Stelle des Porstenschen Gesangbuches, zum nunmehrigen Gebrauch eingeführt worden, ward zum erstenmale benutzt, und das, der mehrfachen Feierlichkeit wegen, bis auf diesen Tag ausgesetzte Erntedankfest gehalten. Bei zahlreich in der Kirche versammelter Gemeinde, und vor mehren aus andern Orten hieher geeilten Personen hielt unser würdiger Oberprediger, der Königl. Superintendent Herr Wolterstorff eine dem Zwecke und der Würde des Tages angemessene Predigt (Ps. 95. V. 1-7.), welche die mehrfachen Beziehungen umschloß, zu deren Feier die Glocken des Kirchthurms die Gemeinde riefen. Unter der Leitung des Konrektors und Organisten Herrn Kornemann fand außerdem eine würdevolle Kirchenmusik statt, wobei der Erbauer der Orgel sein Werk selbst dirigirte. Was aber auch gleichzeitig die Gemüther, bei der Freude dieses Festtages, mit Trauer erfüllen mußte, war das in den frühen Morgenstunden dieses Tages erfolgte Hinscheiden des Bürgermeisters Herrn Thiele, der die segensreichen Wirkungen seines Berufes nicht erlebte.“

 

Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die damalige Ackerbürgerstadt Osterburg eine bedeutende Aufwertung erfahren – sie erhielt den Kreisstadtstatus.

Die Bildung des Landkreises Osterburg war Bestandteil einer territorialen Neugliederung des preußischen Staatsgebietes.

Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon hatten sich die Grenzen des Königreichs Preußen verändert. Im April 1815 wurde Preußen in zehn Provinzen eingeteilt, diese in Regierungsbezirke. Aus der Altmark, weiteren altpreußischen Landesteilen sowie neu erworbenen ehemals sächsischen Gebieten entstand die Provinz Sachsen. Sie umfasste die drei Regierungsbezirke Niedersachsen (mit Sitz in Magdeburg), Herzogtum Sachsen (Merseburg) und Thüringen (Erfurt).

Im Mai 1816 gab die Königliche Regierung zu Magdeburg die territoriale Gliederung dieses Regierungsbezirkes in 15 Landkreise bekannt, darunter der Landkreis Osterburg. Am 1. Juli 1816 wurde die neue Gebietseinteilung wirksam, schlug die Geburtsstunde des Landkreises Osterburg. Dieser hatte genau 178 Jahre Bestand, bis zum 30. Juni 1994.

Auf einem Territorium von ca. 1.000 Quadratkilometern lebten in drei Städten, einem Flecken und 138 Dörfern insgesamt 28.624 Einwohner, davon 28.478 evangelische und 24 katholische Christen sowie 122 Juden. Die Kreisstadt hatte 1.691 Bewohner, Seehausen 2.283, Werben 1.572 und Arendsee 1.270.

 

Eine topografische Beschreibung des Kreises Osterburg aus dem Jahr 1820 gibt uns eine gute Übersicht über die damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse.

So wird eingeschätzt, dass der Landkreis über die fruchtbarsten Gegenden der Altmark verfügt, nämlich die Wische und die Geest. Der übrige Boden dagegen besteht aus einem Drittel guter und zwei Dritteln schlechter Höhe.

In der Wische wurde mit beträchtlichem Überschuss vor allem Weizen angebaut, der u. a. nach Berlin und Hamburg ausgeführt wurde. Auch ein Teil der Höhe ergab einen sicheren Ernteertrag.

Außer Weizen wurde auch Roggen und Hafer ausgeführt. Gerste, Kartoffeln, Rübensaat und Hülsenfrüchte erntete man zum eigenen Bedarf. Als „beträchtlich“ wird der Obstbau in der Wische eingeschätzt, auch an „Wiesewachs“? sei dort kein Mangel.

Von Bedeutung war auch die Viehzucht. Die Einwohner zogen ihr Vieh selbst auf und verkauften einen Teil außerhalb des Kreises.

Die Rindviehzucht wurde auf fast allen Gütern betrieben, hauptsächlich zur „Milchnutzung“. Die Schafzucht, so wird beschrieben, ist in den letzten Jahren vermehrt und verbessert worden. Besonders zeichnet sich die Schäferei auf dem Rittergut Nieder-Görne aus. Auch die Pferdezucht wird, insbesondere in der Wische, sehr vorteilhaft betrieben.

Die Forsten im Kreisgebiet lieferten nicht nur den Bedarf an Bau- und Brennholz, sondern ermöglichten auch den Verkauf nach außerhalb.

 

Auch die Einwohner Osterburgs lebten in jener Zeit von Ackerbau und hauptsächlich Viehzucht, wie uns die topografische Beschreibung berichtet. Die knapp 1.700 Einwohner lebten in 256 Häusern (zum Vergleich: das benachbarte Seehausen hatte 100 Wohnhäuser mehr). Es gab vier Gasthöfe, eine Ziegelei, fünf Wind- und eine Wassermühle sowie eine Abdeckerei. Die Stadt verfügte über eine Feldmark von 5.312 Morgen, davon 1.780 Morgen Wiesen und Weide und nur wenig Holzung.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich die Osterburg noch kaum aus seinen mittelalterlichen territorialen Grenzen herausentwickelt, auch wenn der große Stadtbrand von 1761 das Gesicht der Stadt vollständig verändert hatte.

Allerdings waren zwei der ursprünglich vorhandenen drei Stadttore bereits durch einfache Torwärterhäuser ersetzt worden. Das letzte und bedeutendste der Osterburger Stadttore, das Stendaler Tor, wurde 1828 vom Magistrat auf Abbruch verkauft. Die Stadtmauer, in ihrem Unterhalt während der „Franzosenzeit“ zwischen 1807 und 1815 stark vernachlässigt, hatte auch bereits an Substanz eingebüßt, war zurückgebaut und, zur Anlage von Gärten, durchbrochen worden. Im Bereich des heutigen August-Hilliges-Platzes hatte die Osterburger Schützengilde 1824 ihr neues Schützenhaus mit Schießstand errichtet. Ein Verschönerungsverein kümmerte sich um die Anlage von Promenaden. Und bald sollten die Wallpromenade und Gartenstraße zu beliebten Bebauungsplätzen werden.

 

Einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte die königlich-preußische Kreisstadt Osterburg ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Durch den Eisenbahnanschluss an die Strecke Magdeburg – Wittenberge - Hamburg im Jahre 1849 und den Bau der Chausseen Stendal – Wittenberge 1846 und Osterburg – Bismark 1855 waren entscheidende Voraussetzungen für die weitere Entwicklung von Wirtschaft und Gewerbe geschaffen worden.

Ausdruck dieses Aufschwungs war die rege Bautätigkeit in der Stadt – verbunden mit wachsenden Einwohnerzahlen. Über den Altstadtbereich hinaus dehnte sich Osterburg nun vor allem nach Süden und Westen aus (Stendaler Straße, Bismarker Straße, Ballerstedter Straße). In Bahnhofsnähe entstand ein

1864 neu geplantes Stadtviertel (Bahnhofstraße, Hainstraße, Brüderstraße).

Die Hauptgeschäftsstraße war damals bereits die Breite Straße, die noch heute von Bauten aus der Gründerzeit und der vorletzten Jahrhundertwende geprägt wird. Hotels wie „Stadt Magdeburg“, „Stadt Hamburg“ oder den „Goldenen Löwen“ sucht man heute vergebens. Nur den „Kanzler“, seit den 1860er Jahren betrieben und das Cafe Behrends, gegründet 1856, findet man noch.

Entsprechend entwickelten sich auch die Einwohnerzahlen: hatte Osterburg 1840 noch 2.238 Bewohner, so steigerte sich die Zahl auf 3.518 im Jahr 1871 und verdoppelte sich bis 1900 auf 4.566 Einwohner.

1853 wurde in Osterburg die Feldmark separiert. Diese Gemeinheitsteilung war von enormer Bedeutung für die Ackerbürger. Und 1859 erhält die Kreisstadt eine eigene Lokalzeitung, das „Osterburger Kreisblatt“.

Nicht zu vergessen ist Osterburgs Bedeutung als Schulstadt, seit hier 1859 das Altmärkischen Lehrerseminar (das heutige Markgraf-Albrecht-Gymnasium) seinen Neubau bezog. Ab 1863 folgte der Aufbau der Wolterdorffschen Lehranstalten mit letztendlich vier privaten Schulgebäuden.

Und auch die Stadt selbst war im Schulbau aktiv tätig: ab 1834 wurde das Schulgebäude am Großen Markt (die heutige Stadt- und Kreisbibliothek) ausgebaut, 1889 in der Burgstraße die Mädchenschule errichtet.

In der gleichen Zeit entstanden Wirtschaftsunternehmen in enger Verbindung zur Landwirtschaft, wie die Dampfmolkerei 1889, die Konservenfabrik 1900, die Blechwarenfabrik 1901 oder die Kartoffelflockenfabrik 1913.

Erst der Erste Weltkrieg setzte dem beschriebenen wirtschaftlichen Aufschwung Osterburgs, der von einem regen gesellschaftlichen Leben begleitet war, ein Ende.